Heike Matthiesen – ein ganz persönlicher Nachruf
Heike Matthiesen sitzt auf einem dunkelbraunen Holzstuhl mit moosgrünen Polstern, der rechte Arm fällt locker über die Armlehne. Mit der linken Hand hält sie ihre Gitarre "Frieda", die vor ihren Beinen auf dem hellbraunen Parkettboden steht. Heike Matthiesen trägt ein weit ausgeschnittenes, ärmelloses altrosafarbenes Kleid mit einem langen Schlitz im Rock und hochhackige goldene Schuhe. Ihre langen blonden Harre fallen auf der linken Seite nach vorne über ihre Schulter. Ihr Blick ist nach oben gerichtet.
Heike Matthiesen mit ihrer Gitarre „Frieda“

Heike Matthiesen

(* 27. Juni 1964 in Braunschweig; † 22. Dezember 2023 in Frankfurt/M.)

In der Februar-2024-Ausgabe der „nmz“ erscheint mein Nachruf, den ich für den DTKV-Hessen und den Frankfurter Tonkünstlerbund geschrieben habe. Hier möchte ich nun meinen persönlichen Nachruf für meine liebe Freundin Heike mit euch teilen:

„Musik ist eine heilige Kunst“

„Musik ist eine heilige Kunst“, dieses Zitat aus dem Libretto der Oper „Ariadne auf Naxos“ hat Heikes Familie für ihre Traueranzeige gewählt. Und dieses Zitat steht für zu Recht für sie: Musik zu machen war nicht nur Beruf für Heike, sondern tiefe Berufung. Heike lebte Musik durch und durch. Sie widmete ihr ganzes Leben, ihre Leidenschaft, ihr Können und ihre ganze Kraft der Musik.

Kennenlernen über den FTKB

Kennengelernt haben wir uns über den Frankfurter Tonkünstlerbund. Heike war eine der prominentesten Mitglieder und so schätzen wir uns glücklich, dass sie es sich nicht nehmen ließ, regelmäßig an unseren Mitgliederkonzerten mitzuwirken. Ihre Darbietungen waren immer ein Highlight.

Ich war damals Mitglied im Vorstand und begann langsam nach meiner Familienpause erste Fühler Richtung einer erneuten künstlerischen Tätigkeit auszustrecken. Es war für mich ein großer Schritt, wieder auf die Bühne zurückzukehren. Heike ermutigte mich, diesen Weg zu gehen und gab mir u.a. Ratschläge, was ich bei der Akquise für Konzertengagements beachten solle. Wir führten stundenlange Gespräche über den tieferen Sinn des Musizierens auf der Bühne.

Heike war erfüllt von der Vorstellung, dass sie mit ihrer Musik Menschen Hoffnung, Trost und auch Heilung der Seele bringen könne. Und das konnte sie tatsächlich: Es gibt kaum Musiker und Musikerinnen wie sie, die ihr Publikum mit dem ersten Ton ihres Konzertes dermaßen in den Bann ziehen können, dass sie Sorgen, Nöte, Ärger und alles um sie herum vergessen können.

Zusammenarbeit

Heike Matthiesen und Ute-Gabriela Schneppat verneigen sich nach ihrer Darbietung in der Christuskirche Bad Homburg
Beim Konzert in der Christuskirche Bad Homburg

Eine ganz besondere Zeit war für mich auch die Zeit, in der wir musikalisch zusammenarbeiteten. Leider war diese Zeit viel zu kurz, denn Heike merkte damals, dass ihre Kraft bei ihren vielen Verpflichtungen nicht mehr für alles reichte. Sie fokussierte sich auf ihre Vorstandstätigkeit beim „Archiv Frau und Musik“ und ihre solistische Arbeit. Kammermusikalisch nahm sie nur noch die bereits bestehenden Konzertverpflichtungen wahr. Wir pausierten mit unserem Duo „flauta-gitarra“, um ihr etwas Luft zu verschaffen und planten unsere gemeinsame Arbeit nach einiger Zeit wieder aufzunehmen. Hier ein Mitschnitt aus unserem Konzert am 13.05.2017 in der GustavAdolf Kirche Mühlheim-Dietesheim:

https://www.youtube.com/watch?v=HqQva_Ar6xs

Doch dazu sollte es nicht mehr kommen: 

Krankheit

Heike erhielt die Diagnose schwarzer Hautkrebs. Sie musste sich immer wieder operieren lassen. Ihr schönes Gesicht wurde durch die ganzen Operationen eine Zeitlang schief. Was das für sie bedeutet haben muss – wir können es nur erahnen. Es muss für sie ein entsetzlicher Umstand gewesen sein: Vor ihrer Erkrankung verließ sie nie ungeschminkt ihre kleine Wohnung in Frankfurt-Niederrad. Es könnte sie schließlich Jemand auf der Straße erkennen und ein Selfie mit ihr machen wollen. Damals war diese Denkart sehr ungewohnt für mich. Ich war noch nicht auf Social Media präsent. Dass ich es inzwischen bin, ist auch Heikes Verdienst. Sie hat mir immer und immer wieder diesen Schritt nahegelegt – und mir auch die ersten Anleitungen gegeben, wie man diese Kanäle bespielt. Nun ja, inzwischen gehe auch ich nicht mehr ungeschminkt aus dem Haus, obwohl die Gefahr, dass Jemand mit mir ein Selfie machen möchte, ehrlich gesagt nicht sehr hoch ist…

Aus dem Nähkästchen

Heike machte sich nie große Sorgen über „später“. Sie verstand gar nicht, dass ich Wert darauflegte, für das Alter vorzusorgen. Ihre Gitarren seien ihre Altersvorsorge, sagte sie mal. Ob sie unbewusst wohl geahnt hat, dass sie keine Altersvorsorge treffen müsse?

Sie könne es sich nicht leisten, alt und krank zu werden. Daher investiere sie lieber in Gesundheit. Das waren ihre Worte. Und auch damit war sie vielen Kollegen und Kolleginnen unserer Generation voraus: Sie machte regelmäßig Sport, um fit zu bleiben und hatte Spaß an Bewegung. Sie kannte alle lateinamerikanischen Tänze (für mich ein fantastisches Learning bei der Einstudierung unseres Konzertprogramms mit u.a. „Histoire du tango“ von A. Piazolla), liebte Tango und machte Poledance.

Ich habe so viel durch sie und mit ihr gelernt und erlebt: Meine ersten Sushis habe ich mit ihr in einer Probenpause gegessen. Meine erste Playlist habe ich auf Spotify durch ihre Anregung angelegt.

Und das wohl Wichtigste: Ihr Herzensanliegen, die Musik von Komponistinnen bekannt zu machen, ist auch zu meinem Herzensanliegen geworden. Ohne sie hätte es weder ein und schon gar nicht zwei Konzertprogramme mit Werken von Komponistinnen von Karin und mir mit „Flöte an Tasten“ gegeben und natürlich auch nicht unsere CD „La flûte femme“.

Heike war ein besonderer Mensch: neugierig auf alles Neue, leidenschaftlich im Hier und Jetzt, begeisterungsfähig, unglaublich gebildet, immer präsent, hilfsbereit, empathisch und mit einem enormen Tiefgang bei allem.

Dankbarkeit

Ich bin unendlich dankbar, dass ich ein Teil ihres Lebens sein durfte. Und ich bin unendlich traurig, dass wir uns nun nicht mehr austauschen, über Gott und die Welt reden und zusammen lachen können.

Die letzte Nachricht, die ich von ihr erhielt, war eine Karte mit den Worten „Hab dich lieb“.

Heike – auch ich habe dich lieb und du fehlst mir einfach so sehr!

An einem Ast eines Apfelbaums im Vordergrund hängt eine Karte mit meinem Wunsch um Gesundheit für Heike Matthiesen. Am linken oberen Rand hängt eine weiter Karte. Im Hintergrund sieht man weitere Bäume über dem grünen Rasen, die voller weißer Wunschkarten sind.
Yoko Onos Wunschbaum auf der Blickachsen Ausstellung 2019 mit meinem Wunsch für Heike

Ich habe von der „nmz“ die Erlaubnis bekommen, mein Interview mit Heike zur Veröffentlichung ihrer letzten CD „Guitar Divas“ (Ausgabe 07-08/2023) hier einzustellen. Ich möchte diesen Nachruf mit diesem Interview schließen. Denn was könnte ein besserer Nachruf sein als ihre eigenen Worte!

Musik perlend wie Champagner – Interview zum Release der CD „Guitar Divas“

Die Frankfurter Ausnahmemusikerin, bis 2017 1. Schriftführerin des Frankfurter Tonkünstlerbund, bringt mit ihrer neuen CD Guitar Divas eine zweite CD ausschließlich mit Werken von Komponistinnen heraus. Diesmal mit Werken für Solo-Gitarre von Komponistinnen des 19. Jahrhunderts – eine absolute Rarität! Nicht nur in dieser Hinsicht ist diese CD herausragend.

Der Umstand, dass die Künstlerin seit 2019 mit einer inzwischen weit fortgeschrittenen Krebserkrankung leben muss und es unter diesen Bedingungen geschafft hat, eine neue CD einzuspielen, macht diese Neuerscheinung zu einem kleinen Wunder.

Ute-Gabriela Schneppat sprach mit der Künstlerin anlässlich des Releases ihrer neuen CD.

Nmz: Liebe Heike, die Begleitumstände des Releases deiner nun 5. CD im Mai sind nahezu dramatisch. Wie hast du es geschafft, trotz deiner Erkrankung die Belastung einer CD-Produktion zu stemmen?

Heike Matthiesen: Die Jahre mit den vielen Operationen sind gottlob vorbei. Ich bin inzwischen gut eingestellt. Mein Leben hat sich durch den Krebs sehr gewandelt. Ich habe gelernt, mit den Grenzen, die mir meine Erkrankung auferlegt, zu leben und mich mit ihnen zu arrangieren. Ich akzeptiere, dass ich nur begrenzt Energie habe und teile sie mir gezielt ein. Ich bin gezwungen, effektiv zu arbeiten, Prioritäten zu setzen und mit meinen Kräften zu haushalten. Ich bin im Stadium 4 – und es geht mir gut. Ich tue aber natürlich auch etwas dafür, achte auf meine Ernährung, treibe so gut ich kann Sport und versuche, so optimistisch wie möglich mein Leben zu leben.

Gerade die Einstudierung und Produktion meiner CD war mir eine große mentale und emotionale Unterstützung: Ursprünglich wollte ich mich mit dem Thema Tod in der Stückauswahl beschäftigen. Nach der Diagnose Krebs Stadium 4 ist dies ja naheliegend. Aber ich habe sehr schnell gemerkt, dass mich dies zu sehr runterzieht. Ich brauchte Licht, Leichtigkeit – also E-Dur. Und so habe ich mich mit Stücken beschäftigt, die diesen Gegenentwurf zu meiner Diagnose zum Leben erwecken. Ich habe mir mit dieser CD meinen eigenen psychischen Anker geschaffen. Die CD ist zu meiner inneren Sonne geworden.

Nmz: Gibt es Unterschiede zur Produktion der neuen CD zu den vergangenen CD-Produktionen im Ablauf?

HM: Ja einige. Zunächst hat die Produktion viel länger gebraucht als geplant. Durch meine Erkrankung hat sich alles um etwa ein Jahr nach hinten verschoben. Aber ich war einfach vorher durch die ganzen belastenden Behandlungen so erschöpft, dass ich teilweise nur eine Stunde am Tag üben konnte. Da habe ich dann ein sehr effektives Techniktraining durchgezogen. Das Ergebnis des Resettings meiner Technik: Ich bin technisch so fit, dass hochvirtuose Stücke wie auf der neuen CD überhaupt kein Problem für mich darstellen. Es ist einfach ein Vergnügen, die Finger tanzen zu lassen.

Mein neues Label hat sehr viel Verständnis für meine Situation. So war es kein Problem, dass sich die Produktion verschoben hat. Für mich war es eine große Überraschung, wie positiv auf meine Erkrankung reagiert wurde. Krankheit ist doch ein Tabu im Musikleben. Ich habe daher mit großen Bauchschmerzen meine Erkrankung publik gemacht. Ich bekomme aber trotzdem Konzertanfragen. Früher habe ich geglaubt, dass ich nicht mehr gebucht werden würde, wenn ich mal ein Konzert absagen muss. Aber das stimmt nicht. Ich würde mir wünschen, dass das Thema Krankheit bei Musiker:innen nicht mehr tabubehaftet ist.

Der größte Unterschied zu den vergangenen CD-Produktionen ist, dass ich mir für die Vermarktung meiner CD Profis an Bord geholt habe. Das kostet natürlich, aber lohnt sich. Ich war z.B. schon beim WDR und SWR für Interviews und Rezensionen erscheinen auch in großen Zeitschriften und Magazinen. Zur Finanzierung habe ich ein Crowdfunding gemacht, das natürlich auch schon für erste Aufmerksamkeit gesorgt hat.

Nmz: Bei deiner CD Guitar Ladies hast du Musik von Komponistinnen aus verschiedenen Jahrhunderten eingespielt. Diesmal gibt es Musik ausschließlich von Komponistinnen des 19. Jahrhunderts. Was hat dich an dieser Auswahl gereizt?

HM: Werke von Komponistinnen für Gitarre solo sind eine Nische. Ich war da Vorstreiterin mit meiner CD Guitar Ladies. Da habe ich Stücke von Komponistinnen ausgewählt, die mir einfach besonders gut gefallen haben.

In der Zwischenzeit habe ich weiter geforscht. Seit geraumer Zeit pflege ich eine Datenbank mit Werken für Gitarre von Komponistinnen. Ich bekomme dafür Rückmeldungen rund um den Globus. Natürlich ist hier auch meine Tätigkeit für den Int. Arbeitskreis Frau und Musik und dem Archiv Frau und Musik von Nutzen. Ich sitze sozusagen durch meine Vorstandstätigkeit an der Quelle. Das Thema Komponistinnen ist mit der Pandemie regelrecht geboomt. Viele Kolleg:innen haben ihre Zwangspause genutzt sich mit neuen Themen auseinanderzusetzen. Die Anfragen an das Archiv haben deutlich zugenommen. Es sind etliche CDs mit Werken von Komponistinnen erschienen. Das neu nach der Pandemie erwachte Konzertleben widmet den Werken von Komponistinnen mehr Aufmerksamkeit.

Bei meinen Recherchen ist mir aufgefallen, dass es scheinbar wenig Stücke für Gitarre solo von Komponistinnen des 19. Jahrhunderts gibt. Die Gitarre war im 19. Jahrhundert ein Modeinstrument bei Gesellschaftsdamen. Es gibt unglaublich viele Portraits von Damen mit Gitarre. Und dass viele Frauen auch in vergangenen Jahrhunderten komponiert haben, ist durchaus bekannt. Von Komponistinnen verlegte Noten findet man aber wenig. Da ist richtige Detektivarbeit angesagt. Komponistinnen verlegten ihre Werke auch unter den Namen ihrer Ehemänner, unter Pseudonymen oder anonym. Nicht umsonst gibt es den Ausspruch: Herr Anonymus ist eine Frau.

Eine Frau wie Catherina Pratten, die in der damaligen Zeit selbst einen Verlag gründete, war da eine große Ausnahme. Aber auch sie hat zum Teil ihre Stücke unter dem Namen ihres Mannes als Madame Sidney Pratten herausgebracht. Andere Stücke trugen nur ihre Initialen, andere ihren Mädchennamen Pelzer. Da muss man erst einmal dahinterkommen, dass hinter diesen ganzen Namen ein und dieselbe Person steht! Und so geht es bei vielen Komponistinnen der vergangenen Jahrhunderte. Da ist noch sehr viel Forschungsarbeit zu leisten…

Nmz: Kannst du uns etwas über die Komponistinnen erzählen, deren Stücke auf deiner CD zu hören sind?

Da ist zum einen Catherina Josephina Pratten. Das war schon eine außergewöhnliche Frau: vom kölschen Mädchen zur gefeierten Gitarrenvirtuosin, Komponistin, Verlegerin und Pädagogin. Catherina Pratten hat den gesamten britischen Adel unterrichtet. Sogar die Kinder von Queen Victoria zählten zu ihren Schüler:innen. Sie hat zwei Gitarrenschulen herausgegeben. Bislang waren vor allem ihre „Lieder ohne Worte“ bekannt, die ich bereits bei den Guitar Ladies aufgenommen hatte. Ich habe mich sehr darüber gefreut, auch andere Stücke von ihr – darunter den hochvirtuosen Carneval de Venice – zu finden und aufzunehmen.

Das genaue Gegenteil zu Catherina Pratten ist Anne Catherine Emmerich, deren wunderbaren 6 Variationen auf meiner CD zu hören sind. Von ihr gibt es nur dieses bezaubernde Stück. Sonst nichts. Außer einem fraglichen Geburtsjahr und ein paar Konzertkritiken ist über sie (noch) nichts bekannt.

Emilia Giuliani-Guglielmi, eine uneheliche Tochter des Gitarrenvirtuosen Mauro Giuliani, war verheiratet mit dem Sänger und Komponisten Luigi Guglielmi. Sie trat seit ihrer Kindheit als umjubelte Solistin europaweit auf und gilt als Erfinderin des künstlichen Flageoletts, damals als Doppelflageolett bezeichnet.

Der zweite Carneval auf meiner CD wurde von der Spanierin Maria Dolores de Goni geschrieben. Sie feierte vor allem in den USA große Erfolge und verlegte ihre Werke unter dem Nachnamen ihres zweiten Ehemannes als Mrs. Knoop.

Nmz: Gibt es Pläne für weitere CDs?

HM: Oh ja: Mit Ars Produktion sind noch 3 weitere CDs geplant. Ich hoffe, dass meine Krankheit mir Zeit lässt, diese Pläne alle zu verwirklichen. 2030 soll ja von Biontech das für mich perfekte Heilmittel herauskommen. Ich hoffe, dass ich bis dahin den Krebs in Schach halten kann.

Nmz: Wir wünschen dir von ganzen Herzen, dass dir das gelingt und wir noch viel wunderbare Gitarrenmusik durch dich erleben können!

Leider ist es dazu nicht mehr gekommen. Die Guitar Ladies sind Heikes Vermächtnis geworden. Ein Vermächtnis in E-Dur – wie sie es in ihrem Interview sagte.

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