Sind Frauen die schlechteren Musikerinnen?
Dirigentin

Sind Frauen die schlechteren Musikerinnen?

  

Sind sie schlechtere Komponistinnen, Dirigentinnen, Dichterinnen?

Ist die Musikwelt eine Männerdomäne?

 

Nur 2% der Stücke in Konzerten von Abonnementsreihen sind Werke von Komponistinnen. (1) Und bei anderen Konzerten sieht es auch nicht besser aus. Einspielungen von Werken von Komponistinnen? Kann man suchen. Von Clara Schumann, Fanny Hensel Mendelssohn, Hildegard von Bingen oder Younghi Pagh-Paan hat vielleicht schon jemand etwas gehört. Aber wer kann noch weitere Komponistinnen aufzählen? Falls ja: wer kennt eines ihrer Werke?

 

Eingesperrt in gesellschaftliche Zwänge

 

„Ein Mann muss Phantasie haben, eine Frau muss sich an Regeln halten. Tut sie es nicht, ist sie keine Frau, tut sie es aber, ist es der Beweis, dass sie keine Phantasie hat.“

Dies ist ein Zitat von Robert Schumann. Seine Gattin Clara gehörte immerhin zu den allerersten berühmten Musikerinnen. Er hat seine Grundeinstellung deutlich formuliert. (3)

 Die Familie von Annette von Droste-Hülshoff reagierte entsetzt: Sie würde durch die Veröffentlichung ihrer „minderwertigen“ Gedichte der Familie Schande bereiten. Nebenbei: die hochgelobten, veröffentlichten Gedichte ihres Cousins kennt heute keiner mehr.

Dieses Frauenbild sitzt noch heute in den Köpfen der meisten Männer und auch vieler Frauen.

 Eine ein klein wenig ironische Ausnahme in der Akzeptanz gibt es: Opern-Sängerinnen. Nachdem die Blütezeit der Kastraten zu Ende ging, konnte man wenigstens in der Oper nicht auf Frauen verzichten.

 

Komponistinnen vor dem 19. Jahrhundert

 

Und dennoch gab es schon immer Musikerinnen, die auch sehr gute Komponistinnen waren.

Hildegard von Bingen ist in unserem Kulturkreis eine der ersten bekannten Komponistinnen. Bis über das 19. Jahrhundert hinaus war es sehr schwierig für Frauen: Frauen durften in der Ehe grundsätzlich nur den Haushalt führen, Gesellschaften geben und für die Erziehung der Kinder sorgen. Trotzdem tauchen auch vorher immer wieder einzelne Namen von Künstlerinnen auf, deren Werke aber begrenzt sind. Der Großteil ist mit Sicherheit auch verschollen. Unter ihnen sind Anna Amalie von Preußen, Anna Bon di Venecia, Nannerl Mozart etc. zu nennen.

Die großen drei K’s im Leben einer Künstlerin waren immer noch Kochen, Kinder, Kirche und nicht etwa Kunst!

 

Kreative Frauen ab dem 19. Jahrhundert

 

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ändert sich zumindest ein wenig die Präsenz der Frauen. Da ihnen jedoch grundsätzlich die Rechte auf Eigenständigkeit fehlen, veröffentlichen noch mehr als 100 Jahre lang viele von ihnen ihre Werke unter einem männlichen oder genderneutralen Namen (Mel Bonis). Im Falle Fanny Hensel Mendelssohns verstecken sich einige ihrer Lieder in der Veröffentlichung von op. 8 und 9 ihres Bruders Felix. Erst in ihrem letzten Lebensjahr begann sie, systematisch ihre Werke selbst zu verlegen – gegen den ausdrücklichen Willen ihres Bruders. Felix Mendelssohn-Bartholdy versuchte Fannys eigene Veröffentlichungen zu verbieten, obwohl sie längst verheiratet war. Immer noch durften Frauen der Gesellschaft wie Fanny nur im privaten Kreis mit ihrer Kunst brillieren.

Fanny hat es gegenüber Clara Schumann auf den Punkt gebracht:

„Während die Männer sich zurückziehen, ihre Tür zum Komponieren abschließen, muss die Frau weiter für Kinder und Haushalt da sein.“

Trotzdem errang sie eine Meisterschaft, die der Kritiker Ludwig Rellstab in seinem Nachruf in der Zeitung als „einen Grad der Ausbildung, dessen sich nicht viele Künstler, denen die Kunst ausschließlicher Lebensberuf ist, rühmen dürfen“.

 Mit dem Aufkommen von freischaffenden Künstlern treten aber auch Frauen auf den Plan, die selbstbewusst auf regelmäßigen Konzertreisen von Moskau bis USA gefeiert werden und damit gut verdienen. Wie damals üblich brachten sie auch eigene Kompositionen mit. Völlig unabhängig von jeder Konvention trat als eine der ersten seit den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts neben Clara Schumann die Spanierin Pauline Viardot-Garcia auf. Die beiden sollte eine lebenslange Freundschaft verbinden. In ihrem extensiven Briefwechsel tauschten sie sich auch über diese Problematik aus.

 Auffallend ist, dass alle bisher genannten Frauen als Virtuosinnen und Komponistinnen gleichwertig mit ihren männlichen Kollegen international gefeiert wurden. Ihre Werke verschwanden aber nach ihrem Tod. Die Noten ihrer Werke landeten im besten Fall in Archiven, wo wir sie heute in mühevoller Arbeit sichten und sortieren müssen.

 

Geht es den Musikerinnen heute besser?

 

Aktuelle Recherchen ergeben immer noch ein mehr als dürftiges Bild:

Der Anteil von Werken von Komponistinnen in Abonnementsreihen beläuft sich 2%, bei Konzerten zeitgenössischer Musik immerhin bei13%. (1) In der Regel handelt es sich dann auch nur um ein einziges mehr oder weniger kurzes „Quoten“-Werk.

Und bei den ausführenden Musikerinnen:

Der Anteil von Frauen in den deutschen Berufsorchestern beträgt knapp 40%, aber nur 21,9% in den Stimmführungs- oder Konzertmeister-Positionen. Der Anteil von Dirigentinnen in Abonnementsreihen beträgt schlappe 7% und in den Führungspositionen der Orchester und Opernhäusern (GMD, Intendanz) bei nur 8%. (2)

Zu betonen ist, dass diese Zahlen nicht denen von Musikerinnen entsprechen, die an Hochschulen studieren und hochqualifizierte Examina ablegen. Hier liegen die Anteile Männer/Frauen annähernd gleich.

 

Darf’s ein bisschen mehr sein?

 

Hier noch ein paar heute – auch unter Profis – wenig geläufige Namen:

Wilhelmine von Bayreuth, Maria Theresia von Paradis, Margarete Danzi, Emilie Mayer, Clémence de Grandval, Ethel Smyth, Laura Netzel (Pseudonym N. Lago), Cécile Chaminade, Luise Adolpha Le Beau, Dora Pejačević, Mel Bonis, Alma Mahler, Johanna Senfter, Rosy Wertheim, Germaine Tailleferre, Lily Boulanger, Ruth Schonthal, Ruth Zechlin, Barbara Heller, Dorothee Eberhard, Caroline Ansink, u. v. m.

 

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In den nächsten Wochen werde ich im Blog verschiedene Komponistinnen aus unserem neuen Konzertprogramm vorstellen.

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Quellen:

(1) nmz Bericht über Frauen in exponierten Positionen in deutschen Berufsorchestern

(femina münchen, Archiv Frau und Musik)

(2) Niedriger Frauenanteil bei Spitzenorchestern (Erhebung des Deutschen Musikrates)

(3) Eva Weissweiler „Clara Schumann“, dtv-Verlag